Eine Woche Gourmet und zwei Wochen Busch

oder: Von der falschen Bucht bis zur größten Dusche Afrikas

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Moremi

Für den Rückflug aus dem Delta stand uns diesmal ein großes Flugzeug zur Verfügung. Es hatte zwei Propeller und konnte zehn Personen aufnehmen. Aber für Stewardessen war auch das zu klein. Der Flug war aber schon bedeutend ruhiger und wir sahen auch einige Tierherden unter uns. Als wir in Maun landeten, nutzte ich diesen kurzen Aufenthalt in der Zivilisation um zu Hause anzurufen. In Deutschland waren es drei Grad bei Regen, wir hatten siebenunddreißig bei wolkenlosem Himmel. Ich liebe solche Telefonate.
Wir fuhren zum Moremi National Park. Wieder zelteten wir mitten im Bush ohne Zaun mit kompletter Selbstverpflegung. Das ist der Unterschied zu den ausgewiesenen Campingplätzen. Wir hatten keinerlei sanitärer Vorrichtungen, noch irgendwelche Anlaufstellen, wie Kioske oder Verwaltungsgebäude. Wir campten wirklich in der freien Natur und mussten alle Annehmlichkeiten der Zivilisation mitbringen. Dafür konnten wir die Natur aber auch ganz für uns alleine genießen und fühlten uns wie ein Teil von ihr.
Auf der Abendpirschfahrt sahen wir Warzenschweine, zahlreiche Antilopen, Flusspferde und zum Schluss noch eine große Herde Elefanten am Fluss. Nach dem Abendbrot am Busch-TV diskutierten wir mit unseren botswanischen Gefährten warum man in Holland Gras verbrennen darf und Deutschland nicht. Es wurde sehr stürmisch und wir gingen früh ins Bett, da wir am nächsten Morgen früh raus wollten. "It's time for cats." meinte Godfrey. Er wollte auf Katzenjagd gehen, da dies ein ideales Gebiet für Leoparden ist. Da der Leopard als letztes Tier in meiner Big-Five-Sammlung fehlte, war ich genauso wie die anderen gerne bei der Jagd auf die Katzen dabei.
Es wurde immer windiger und ich wachte in meinem Zelt auf und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas lag auf meiner Wange. Es war die Zeltplane. Als ich nach der Taschenlampe hangelte und sie anmachte, sah ich die Ursache. Mein Zelt war im Sturm zusammengebrochen und mein Kopf lag in einer Art kleiner Höhle, der Rest des Zeltes auf mir. Dann hörte ich vertraute Geräusche. Es waren diese Laute, die Löwen von sich geben, wenn sie im Dunkeln einander die Position durchgeben. Also keine zwanzig Meter entfernt musste sich ein Löwenrudel befinden. Zuerst versuchte ich das Zelt von innen aufzurichten, leider vergebens. Das Zelt zu verlassen war generell Nachts nicht erlaubt und in dieser Situation erst recht lebensgefährlich. Ich schaute auf die Uhr. Es war halb zwölf, der größte Teil der Nacht stand erst noch bevor. Dann dachte ich nach. Godfrey erzählte, dass solch große Zelte niemals von Löwen oder anderen Tieren angegriffen werden, da sie zu groß und mächtig erscheinen. Jetzt hatte ich aber ein zusammengefallenes Zelt. Das muss in den Augen eines Raubtieres wie ein krankes Zelt wirken. Eine durchaus erlegbare Beute also. So konnte ich mit den Löwen im Nacken das Zelt also nicht in diesem Zustand lassen. Ich konnte es aber auch nicht verlassen, um es zu reparieren. Selbst ein Sprint zu den anderen, hätte mein letzter sein könne, da mein Zelt etwas Abseits stand und Godfrey - der einzige, der für mich in dieser Situation als kompetentester Berater in Frage kam - schlief am anderen Ende von unserem Camp. Laut brüllen wollte ich auch nicht. Was also tun?
Gewohnheitsgemäß packe ich auf vielen meiner Reisen eine Blechtasse und Besteck ein. Ein Messergriff in einer Blechtasse geschlagen kann ganz schön Krach machen. So weckte ich zwar das ganze Camp, aber auch Godfrey, der mit einer Taschenlampe kam. Jetzt traute ich mich auch aus dem Zelt, denn nun waren wir zwei. Auch er hörte sofort die Löwen und war sehr nervös. Als die anderen ihre Zelte verlassen wollte, rief er sie gleich wieder zurück. Nun konnte er sich um das Zelt kümmern, während ich mit der Taschenlampe nach den Löwen sah. Er konnte es reparieren und ich konnte beruhigt weiterschlafen.
Um fünf Uhr war ich zwar wach und stand auch auf, aber es regnete und außer Godfrey und mir zog es der Rest vor weiter zu schlafen. Da nutzte ich die Gelegenheit ein Hemd notdürftig zu waschen, ausgiebig zu frühstücken und mit Godfrey die letzte Nacht noch mal auszuwerten. Der Regen ließ bald nach und wir starteten zu einer verspäteten Pirschfahrt. Allerdings sahen wir nichts nennenswertes außer Hippos und Krokodile. Auch die anderen Safaris, die wir trafen, hatten wenig Glück. Dann wurde es wieder sehr warm und in der Mittagspause las ich mit Godfrey eine alte südafrikanische Zeitung. Den Nachmittagstee nahmen wir bei ca. vierzig Grad ein. Emmy & Jan amüsierten sich beim Lesen von Verpackungen südafrikanischer Cornflakes über das Afrikaans. Für sie, so erklärten sie mir hört sich diese Sprache recht lustig an und das erheiterte sie. Ich meinte nur, für uns Deutsche hört sich holländisch recht lustig an und das erheitert uns.
Christoph machte an diesem Tag einen ganz normalen Eindruck. Er war ruhig wie immer, hatte seit einigen Tagen schon auf die kurze Hose gewechselt, seinen Sonnenbrand im Griff und fiel in keiner Weise auf. Aber es sollte sein Tag werden.
Kurz bevor wir zur Nachmittagspirsch aufbrechen wollten, kam ein Südafrikaner vorbei und fragte uns, ob dies hier Löwen- und Leopardengebiet sei, er würde gerne welche sehen. Godfrey sagte ihm, dass das Gebiet schon dafür geeignet ist, nur muss man schon Glück haben welche zu sehen. Er fuhr los. Kurze Zeit später überholten wir ihn, als er am Rand stand und in seine Karten schaute. Wir waren mental noch gar nicht auf irgendwelche Tiere gefasst, wir hatten gerade vor fünf Minuten das Camp verlassen, die Fotoapparate noch nicht im Anschlag und dösten noch etwas in unseren Sitzen, als plötzlich Christoph rief: "Stop, nine o'clock!". Godfrey trat auf die Bremse und unsere Augen wandten sich sofort nach links. Und da saß er, unser Leopard, einfach so. In leiser Panik machten wir unsere Fotoapparate klar und belichteten Agfa, Kodak und Fuji. Dann stand er auf und ging gelassen, so dass wir ihm folgen konnten. Er entfernte sich leider immer mehr von der Straße. Vielleicht lag dies auch daran, dass nun auf der anderen Seite eine große Elefantenherde auftauchte. Links der Leopard, rechts die Elefanten - es war fast wie im Zoo, nur ohne Zaun. Dann kam auch unser südafrikanischer Leopardensucher angefahren. Jetzt war der Leopard aber schon weit weg und nur noch schlecht zu sehen. Tja, manchmal hat man halt nicht so ein Glück wie andere. Hätte er nicht gestoppt, wäre er der erste am Leo gewesen, so aber waren wir die Erstentdecker.
Jetzt waren wir natürlich bester Stimmung. Wir hatten unseren ersten Leoparden gesehen. Für mich war es der erste in frier Wildbahn überhaupt. Und wenn es läuft, dann läuft es. Wenig später schallt "Leopard!" aus dem Fahrerhaus und tatsächlich, im Gestrüpp schlich ein weiterer Leopard umher. Er kam uns entgegen. Wir wendeten und konnten parallel zu ihm fahren. Am Straßenrand stand ein abgestorbener Baum. Ich wagte gar nicht daran zu denken. Und es passierte. Er sprang auf den Baum. Wir konnten herumfahren und ihn im herrlichen Licht der schon tief stehenden Sonne beobachten. Jetzt wurde es kitschig. Es schien, als posierte er vor uns. Er sprang auf diverse Äste und hielt in die Sonne - in unsere Richtung - Ausschau. Wir waren äußerst begeistert. Sicher mag es niemanden verwundern, dass jeder von uns mehr als einen Film für dieses Motiv geopfert hat.
Zwei Leoparden an einem Tag. Das musste gefeiert werden. Zum Abendbrot gab es eine Flasche Wein mehr und wir stießen alle auf Christoph an, den Mann des Tages. Es gab leckere Büffelsteaks und beim Busch-TV konnten wir beobachten, wie eine neugierige Hyäne um unsere Zelte schlich. Außerdem diskutierten wir noch mit Godfrey, welches Handy wohl das beste sei. Themen wie aus einer anderen Welt.

Savute

Wir standen früh auf, obwohl wir nicht zu einer Pirschfahrt wollten, aber wir hatten einen weiten Weg in einen anderen Park und wollten vor der Mittagshitze dort ankommen. Dass das frühe Aufbrechen aus einem anderen Grund noch eine weise Entscheidung war, sollten wir noch sehen.
Kurz nach dem Parkausgang sahen wir einen Jeep am Straßenrand stehen und die Insassen starrten gebannt in eine Richtung. Solch eine Situation heißt immer Obacht! Oft kann man sich dazu stellen und an etwas interessanten teilhaben. Allerdings habe ich auf früheren Safaris mich auch schon ohne irgendeinen Grund mal an den Straßenrand gestellt und so getan, ob was interessantes zu sehen sei und dann die Autos gezählt, die sich neugierig zu mir gesellten. Da wir nichts entdecken konnten, dachte ich schon, dass dort jemand meinen Sport kopierte. Godfrey sagte: "Die beobachten bestimmt irgendwelche langweiligen Vögel." Als wir näher kamen, kam eine Stimme aus dem Auto: "Are you interested in birds? There is a white face owl." Anfangs konnten wir noch unser Grinsen unterdrücken. Bei der Weiterfahrt brach es dann aber aus uns heraus. Ein Gag jagte den nächsten: "Wir sollten ein Schild an den Jeep kleben: ‚Wir bremsen nur für Raubtiere'". Godfrey steuerte auch noch ein paar Anekdoten aus seinen vorherigen Safaris bei. Von einer Gruppe Ärzte, die sich nur für Vögel interessierten und mit denen er sechs mal einen Leoparden sah, der sie aber überhaupt nicht begeisterte. So schütteten wir uns vor Lachen aus, bis wir auf die etwa einhundert Kilometer lange Piste nach Savute trafen. Jetzt schüttelte die uns durch. Es ging eigentlich nur von einer Wasserpfütze zur nächsten. Gas, Bremsen, Wusch, Gas, Bremsen, Wusch und das über hundert Kilometer. Zwischendurch stand dann auch mal ein trinkender Elefant im Weg, den wir mit lautem Hupen von der Piste delegieren mussten. Ein eindrucksvolles Trompeten beim Abzug war seine Antwort.
Als wir dann endlich am Parkeingang ankamen, war es schon wieder sehr, sehr heiß. Wir stiegen ab und gingen in die schattigen und angenehm kühlen Gebäude der Parkverwaltung. An ihnen prangten Schilder: "Gesponsert von der Europäischen Union". Ich liebe es, wenn Steuergelder so sinnvoll eingesetzt werden. Hier brachten sie uns einen angenehmen Zwischenstopp. Weiter so, Brüssel!
Als wir an unserem Campplatz ankamen hält Godfrey Ausschau nach Moffat und Limbo, die eigentlich schon längst da sein sollten, um die Zelte aufzubauen. Er griff zum CB-Funk um sie zu rufen. Da hörten wir schon laut, was Godfrey leise in sein Mikrofon sprach. Die Jungs standen kaum 25 Meter entfernt im Schatten von Kalahari Apple Trees und hatten schon fast alles aufgebaut. Na, Godfreys Augen sind halt auf Tiere spezialisiert.
Als alles aufgebaut war und wir beim Mittag saßen, kam aus der Richtung, aus der wir kamen ein Unwetter auf. Wir mussten noch die Seitenteile von unserem Hauptzelt anbauen, trotzdem knirschte es beim Essen etwas zwischen unseren Zähnen. Es kam ein gewaltiger Guss herunter und wir stellten uns vor, wie wir wohl ausgesehen hätten, wären wir eine Stunde später losgefahren. Kurze Zeit später konnten wir das bei Wilderness Safari sehen, sie hatten sich Zeit gelassen und waren beim Zeltaufbau richtig schön nass geworden.
Aber pünktlich zur Abendpirsch kam die Sonne wieder raus und wir fuhren zu einem nahen Wasserloch. An dem Wasserloch hatten Löwen eine Elefanten getötet. Das ist nicht üblich. Es gibt angeblich nur sehr wenige Löwenrudel, die Elefanten jagen. Doch in Savute war eines zu Hause. Elefanten gab es wirklich im Überfluss. Das Löwenrudel bestand aus etwa 25 Tieren. Es waren drei Männchen, wahrscheinlich Brüder, und deren Harem. Der Elefantenkadaver lag im nicht einzusehenden Dickicht, wie auch die Löwen. Es waren nur jede Menge Geier zu sehen. So fuhren wir zunächst weiter. Unterwegs mussten wir gewaltige Pfützen durchqueren. Kaum zu glauben, was dieser Guss an Wasser gebracht hatte. Wir entdeckten einen weiteren Elefantenkadaver. Es war ein junger Elefant, noch nicht lange tot. Der Kadaver war noch unversehrt, die Aasfresser schienen ihn noch nicht entdeckt zu haben.
Der Sonnenuntergang war mal wieder sehr kitschig.
Der Sonnenaufgang am nächsten Tag war auch nicht ohne. Wir konnten am Wasserloch die ersten Löwen bei der noch tief stehenden Sonne in sehr schönem Licht fotografieren. Dazu gesellten sich auch ein paar Elefanten. Schöne Motive. Wir fuhren zu dem unversehrten Elefantenkadaver vom Vortag. Er lag immer noch da, hatte aber schon erste Spuren von Aasfressern. Wir hatten eigentlich gehofft, eine Hyäne zu entdecken, die man selten am Tage zu Gesicht bekommt. Leider war keine zu sehen. Etwas enttäuscht ließ Godfrey wieder den Motor an, um weiter zu fahren. Dieses Geräusch schreckte doch einen Aasfresser hoch. Aber nicht einen, mit dem wir gerechnet hätten. Ein Leopard sprang vom Baum und nahm Reißaus. Godfrey meint, er hätte noch nie erlebt, das ein Leopard Aas, welches er nicht selbst erlegt hat, frisst. Nun, dieser muss wohl hungrig gewesen sein.
Ziemlich guter Dinge über unseren dritten Leoparden machten wir bald darauf eine Teepause. Wie es sich so trifft, kam Wilderness auch dazu. Wir unterhielten uns und tauschten uns über unsere ‚Jagderfolge' aus. Wilderness hatte noch nicht halb so viel gesehen auf ihren Pirschfahrten wie wir. Als ich ihnen von unserem gerade gesehenen Leoparden erzählte, leuchteten ihre Augen. "Und konntet ihr Fotos machen?" fragten sie. Auf diese Vorgabe hatte ich nur gewartet. Ich kostete es richtig aus: "Nö, aber kein Problem. Es war ja schon unser dritter Leopard." Dazu noch eine abfällige Handbewegung und einen ehr' gelangweilten Gesichtsausdruck. Ich bereue heute noch, dass ich ihre Gesichter nicht fotografiert hatte.
Aber wir konnten noch eins drauf setzten. Weinig später an einem Wasserloch entdeckten wir tatsächlich, was wir am Morgen gesucht hatten: Hyänen. In der Nähe lag ein Leierantilopenkadaver (engl. Tsessebe) und vier Hyänen waren daran beschäftigt. Zwei von ihnen hatten Durst und standen nun am Wasserloch. Sie waren recht neugierig und umschlichen unser Auto. Viele meinen, es seien hässliche Tiere. Ich fand sie so aus der Nähe betrachtet gar nicht hässlich, war ob ihrer Größe überrascht.
Na, dass war doch ein Tagesbeginn! Im Camp ging es erstmal unter die Dusche, die Temperaturen lagen schon wieder bei der Vierziggradmarke. Die Siesta hatte schon was von Sauna trotz schattiger Bäume. Die Abendpirsch beschränkte sich im Großen und Ganzen auf das Elefanten-Löwen-Wasserloch. Wir hatten einfach zu viele herrliche Fotomotive von Löwen und Elefanten gemeinsam. Auch in den Sonnenuntergang liefen die Elefanten - traumhaft.

Chobe

Geweckt werden durch Löwengebrüll ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich fand es gehörte einfach zu dem Safarigefühl und zu Afrika. Die Kätzchen waren zwar nicht zu sehen, mussten aber in der Nähe sein. Wir brachen unser Lager ab und fuhren los, am gerade wach werdenden Wilderness Camp. Die lernten es auch nicht: The early bird catches the worm!
Die Löwen lagen noch am Wasserloch, wir fuhren aber vorbei, aus dem Park heraus. Die schlimme Piste wechselte sich ab mit einer breiten schlimmen Piste und einer schlimmen Piste. Dann fing es an zu regnen und dann tauchten die ersten Dörfer auf. Nach vier Tagen Busch am Stück war es für mich schon etwas eigenartig, zivilisatorische Einrichtungen zu sehen.
Wir hielten noch in einem Dorf, Godfrey wollte seine Mutter besuche, die aber nicht da war. Moffat stoppte in einem anderen Dorf um Lebensmittel aufzufrischen. Dann bekamen wir ganz anderen Luxus zu spüren, eine Asphaltstraße. Wir fuhren in den Chobe National Park an einem Schild mit der Aufschrift ‚No Entry'. Uns begrüßte eine Büffelherde und starrte uns an. Im Lager standen die Zelte bereits und es gab Essen. Am Nachmittag ließ der Regen dann nach und pünktlich zu unser ersten Pirsch kam die Sonne raus.
Geier, Geier, Geier, die Bäume waren voll von ihnen. Der Grund war ein Büffelkadaver. Die Vögel verhielten sich im Streit um das Aas wirklich wie die Geier. Es war ein beeindruckendes Schauspiel, wie sie um die besten Happen stritten und auf der Suche nach Fressbaren komplett im Büffel verschwanden.
Bei der Fahrt am Fluss entlang sahen wir die üblichen Verdächtigen: Wasservögel, Krokodile, ein Löwenpärchen, Wilderness Safari. Dann begegneten wir den ersten Daytrippers. Das sind Gäste der nahe gelegenen Lodges, die nur Tagesausflüge buchen. Uns fiel als erstes auf, wie sauber diese Leute waren und wir fragten uns, ob wir wohl schon riechen. Teilweise waren sie auch recht adrett zurecht gemacht, geschminkt, mache sogar mit Krawatte und besonders die Touristen aus dem fernen Osten boten schmunzelnswerte Anblicke. Sie waren natürlich mit der modernsten Foto- und Videoausrüstung bewaffnet, trugen teilweise Plastikschutz über ihre großen Hüte, Handschuhe und manche auch Mundschutz. Dazu waren sie mit Sunblockern eingeschmiert, so dass sie extrem hell erschienen. Wir hatten ebenso wie sie ein Lächeln auf den Lippen, als wir sie trafen, nur war es bei ihnen wohl angeborene Höflichkeit und bei uns Beherrschung.
Wir hatten jeden Tag einen Höhepunkt, aber nun erlebten wir den Höhepunkt der gesamten Safari. Godfrey stoppte und wies auf eine Gruppe Elefanten die einen engen Kreis bildeten, als ob sie etwas in der Mitte verbergen wollten. Godfrey erkannte sofort, was dort vor sich ging, eine Elefantengeburt. Es war nur schwer auszumachen und viele Jeeps fuhren vorbei, da Elefanten überall zu sehen waren. Wir blieben natürlich stehen und beobachteten das Geschen. Es musste gerade passiert sein, ein kleines Bündel lag auf dem Erdboden und versuchte sich aufzurichten. Wobei der Begriff kleines Bündel auch relativ zu sehen ist. Das kleine Rüsseltier war bestimmt schon achtzig Kilo schwer und versuchte nun auf die Beine zu kommen. Dabei halfen die herumstehenden Geschwister und die Mutter ihm tatkräftig. Bei Elefanten mag man kaum von Fingerspitzengefühl sprechen, aber es hatte schon etwas davon, als sie den Kleinen sanft mit ihren Füßen bei seinen ersten Stehversuchen unterstützten. Die Mutter schien auch gleichzeitig die Leitkuh zu sein, sie war die größte der Herde. Zwei andere Mädels hatten es eilig, weiter zu ziehen. Sie waren in ihrer ersten Hitze, wie Godfrey erklärte, und auf der Suche nach Bullen. Jetzt sollten sie auf den kleinen Neuankömmling warten. Das konnten sie nicht verstehen. Sie trompeteten laut, liefen aufgeregt hin und her und machten einen wahren Zirkus. Die Leitkuh trompete zurück. Tja, so als Chefin einer Großfamilie hat man es auch nicht leicht. Die Kleinsten brauchen noch besonderes Augenmerk und die pubertierenden Mädchen haben nur noch Bullen im Kopf. Für uns war es ein herrliches Schauspiel.
Auf dem Heimweg ins Camp sahen wir noch den Sonnenuntergang und einen Honigdachs. Wir waren sehr zufrieden mit dem Tag. Wir stießen noch auf den kleinen Elefanten an.
Der nächste Tag begann mit einem späten Aufstehen um sechs Uhr, es nieselte. Wir fuhren durch den Park nach Kasane, um etwas einzukaufen. Das Wetter wurde trocken. Auf dem Rückweg sahen wir noch eine schöne Rappenantilope (engl. sable antelope).
Am Nachmittag stand eine Bootsfahrt auf dem Chobe Fluss an. Unser Kapitän: Godfrey. Wir saßen auf einem Boot bequem in Stühlen, Bier, Softdrinks und Knabbereien waren vorhanden, die Sonne schien und wir glitten auf dem Wasser entlang, sahen Krokodile, Wasserböcke, Flusspferde und Wilderness Safari. Sie erzählten uns ganz stolz, dass sie eine herrliche Rappenantilope gesehen hätten. Godfrey erwiderte, wir hätten in den letzten Tagen rein gar nichts entdeckt. Zu uns meinte er später, wir sollten nichts sagen, Wilderness soll sich auch mal gut fühlen.
Wir treffen noch einen Grenzgänger, ein Elefant schwamm über den Chobe Fluss von Namibia nach Botswana und trat beim Landgang beinahe auf ein Krokodil. Wieder an Land markierten wir erstmal unsere Reviere (das Bier an Bord war süffig), dann erlebten wir noch unseren täglichen Höhepunkt. Ein Waran schlich am Boden entlang. Das ist sicher nichts Besonderes, am Vortag hatten wir schon einen gesehen. Aber jetzt kam ein Vogel dazu gesprungen und breitete seine Flügel aus und tanzte vor dem Waran hin und her. Der Waran war wahrscheinlich auf der Suche nach Eiern aus Bodenhaltung und der Vogel war umsorgt um seinen Nachwuchs und versuchte verzweifelt den Waran abzulenken. Ob es ihm geglückt ist, haben wir nicht mehr abgewartet.
Beim Abendessen kam Wind auf und wenig später fiel auch die Temperatur. Dann wurden wir Zeugen eines weiteren Naturschauspiels. Termiten schwärmten aus. Sie umschwärmten unsere Lampe, dass sie fast dunkel war. Dann fielen sie auf den Boden und versuchten ihre Flügel loszuwerden. Am Lagerfeuer beobachteten wir nun, wie etliche Skorpione und Rennspinnen die Termiten jagten.

Die Safari endet

Trotzdem es der letzte Tag war und an dem keine großartigen Pirschfahrten gemacht werden sollten, stehen wir früh auf, da Moffat und Limbo am selben Tag schon wieder zu einer nächsten Safari aufbrechen sollten. Natürlich fuhren wir auf dem Weg nach Kasane durch den Park und sahen auch noch einige Löwen, die wir später den Daytrippern verkaufen wollten, ihnen aber doch ohne Gegenleistung verrieten, wo wir sie gesehen hatten. Es war schon interessant zu beobachten, wie ihre Augen leuchteten, als wir sie fragten, ob sie wissen wollen, wo man Löwen sieht. Wir hatten auf unserer Safari bestimmt über fünfzig Löwen gesehen, davon ein Rudel von etwa 25 Tieren. Diese Eintagestouristen freuten sich schon über einen freilaufenden Elefanten oder ein Krokodil. Ein Löwe war schon die Krönung. Sie konnten gar nicht ahnen, was wir alles in unseren zwei Wochen erlebt hatten. Dafür waren sie schön sauber und abends immer in der Lodge am Büffet, während wir am Lagerfeuer saßen und die Runden der Skorpione um das Feuer zählten. Sie waren Besucher in der Natur, wir fühlten uns als Teil des Busches.
In Kasane verließen wir wieder den Truck und warteten auf den Transferbus nach Victoria Falls. Am Kingdom Hotel in Victoria Falls verabschiedeten wir uns dann von Godfrey, der uns bis dahin begleitete. Jan und Emmy hatten ihre letzte Nacht im Victora Falls Hotel gebucht, welches unmittelbar an das Kingdom grenzte.
Der Umtauschkurs war auf 1:700 angestiegen. Ich ging erstmal in mein Luxuszimmer mit Balkon und nahm ein langes Bad. Danach duschte ich noch zur Sicherheit und fühlte mich nun als wären zwei Wochen Busch von mir abgefallen.
Dann hatte ich einen Spießrutenlauf vor mir. Ich wollte noch einige Mitbringsel auf einem großen Souvenirmarkt kaufen. Mit starrem Blick und festem Schritt ignorierte ich alle Versuche der Händler und der ‚guten Freunde' mir etwas anzudrehen. Da mir noch etwas Geld fehlte, ging ich nochmals zu der Wechselstube welche eine Stunde zuvor 1:700 getauscht hatte. Jetzt lag der Kurs bei 1:1000.
Im Hotel gönnte ich mir erstmals nach langer Zeit einen Filterkaffee am Pool. Dann schaute ich mir noch das Victoria Falls Hotel an. Es war wirklich sehr mondän und strahlte den Luxus vergangener Zeiten aus. Ich fühlte mich in die Zeiten der Großwildjäger zurückversetzt. Im Ort traf ich noch auf einen Souvenirladen, der von einem weißen Simbabwer geführt wurde. Wir kamen ins Gespräch. Ich wollte vor allem wissen, wie er mit der Inflation umgeht. Er erzählte mir, dass er sämtliche Tageseinahmen sofort in neue Ware umsetzten muss. Geld zur Bank zu bringen hat keinen Zweck. Er sagte, er hätte an dem Tag schon für 1:1450 getauscht.
Zum Abendbrot traf ich mich mit Christoph und Ralf, die auch im Kingdom wohnten. Bei ein paar Sambesi Bieren an der Hotelbar ließen wir die Safari noch einmal Revue passieren.
Ich hatte alle Zeit der Welt und hätte so richtig schön ausschlafen können. Ich war aber um sechs Uhr wach. Beim Frühstück war es erfreulich leer. Das Hotel war kaum belegt, auch das Victoria Falls hatte Gästeprobleme. Beim anschließenden Sachenpacken auf meinem Zimmer rannte Lola im Fernseher auf deutsch mit englischen Untertiteln. Der Transferbus war pünktlich und brachte mich zum Flughafen. Dort treffe ich auf eine australische Teilnehmerin von Wilderness und ich konnte es nicht lassen, ich erzählte ihr alle unsere Erlebnisse. Wir waren uns einig - wir hatten den besseren Guide. Im Flugzeug saß dann eine Familie neben mir. Der Mann war Simbabwer, lebte jetzt aber in Dubai, wo er für die Emirates als Pilot der Airbusflotte arbeitete. Das Gespräch mit ihm war in zweierlei Hinsicht sehr interessant. Einerseits erfuhr ich nochmals viel über ein simbabwisches Schicksal und andererseits ist es sehr interessant neben einem Pilot in einem Flugzeug zu sitzen. Er erwähnte übrigens, dass der Tauschkurs in Harare bei 1:1800 lag.
In Johannesburg traf ich dann wieder auf Emmy & Jan. Wir hatten ähnliche Abflugszeiten und warteten so gemeinsam. Christoph und Ralf waren schon auf den Weg nach Port Elizabeth, sie hatten eine Woche Südafrika nach der Safari gebucht.
Der Flug war soweit ganz gut, besonders, weil mein Nebenplatz leer blieb und als ich dann pünktlich in Köln ankam und am Nachmittag im Supermarkt das Stimmgewirr aus dem Türkisch und den Sprachen des Balkans vernahm, wusste ich, dass ich wieder zu Hause in Deutschland war.

Epilog

Eine solche Safari ist nicht billig. Mir war es das Geld wert. Ich habe nicht einen Moment bereut, es getan zu haben. Das Erlebnis in der Natur zu sein, fern ab von der Zivilisation war ein unbeschreibliches Gefühl. Zwei Wochen keinerlei Nachrichten, kein Radio, Fernsehen, kein Geld. Die Probleme, mit denen man zu tun hat, haben nichts mit denen in einem modernen Europa zu tun. Das Beisammensein jeden Abend am Lagerfeuer, dem Busch-TV, die Gespräche über Afrika, die Natur, den Sinn des Lebens, das Austauschen von Anekdoten habe ich sehr genossen. Ich habe mich komplett von meinen Problemen erholen können und auch wenn es sich nicht gerade nach Urlaub anhört, wenn man jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, war der Erholungseffekt enorm.
Das Leben im Zelt ist schon ein abenteuerliches. Ebenso die Benutzung der Buschtoilette und der Buschdusche. Im Gegensatz zu den Lodge-Safaris waren wir so aber auch bei Nacht mitten im Busch und empfanden uns der Natur näher. Mit allen Reizen und Gefahren. Wenn man sich an die Regeln des Busches hält, ist dies aber ungefährlich.
Ich habe diesen Urlaub insbesondere deshalb genossen, weil er mich wirklich zwei Wochen aus meiner hektischen Welt in eine komplett andere Welt brachte, die mir Ruhe, Gelassenheit und Ausgeglichenheit gab. Natürlich haben wir auch eine Menge Spaß gehabt und uns oft gebogen vor lachen. Das ist natürlich das Risiko, wenn man eine Gruppenreise bucht. Aber ich hatte Glück und unser Trupp passte sehr gut zusammen und es gab nie Probleme. Gerade in Sachen frühes Aufstehen waren wir uns alle einig. Godfrey hat das wohl auch schon anders erlebt.
Solch ein Urlaub wirkt auch sehr lange nach. Oft denke ich daran zurück und vermisse die afrikanische Landschaft, die Tiere, den Geruch, den südlichen Sternenhimmel und die Geräusche, die die Holländer Sprache nennen. Verzeiht mir, Emmy & Jan, den musste ich einfach noch bringen.
Es war mit Sicherheit nicht meine letzte Safari.