Zwei Wochen Seemann und eine Woche sprachlos

oder: Falsches Bier und viel Sonne in der Karibik

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Prolog

„Hallo Sandra! Ich komme mit!” Manchmal beginnen Abenteuer mit ganz banalen Sätzen. Diesen Satz hatte ich im Frühsommer 2002 per SMS an eine gute Freundin geschickt nachdem ich mich kurz zuvor entschlossen hatte, sie auf einem Segeltörn zu begleiten. Bei dem Schiff handelte es sich nicht um irgendein Segelschiff, sondern um die Alexander von Humboldt, einer Bark mit grünen Segeln. Grüne Segel? Ist das nicht..? Ja, das Becks Schiff sollte es sein, bekannt aus vielen kleinen Kurzfilmen, die uns in den Langfilmen die Zeit für den Flüssigkeitsaustausch und anderen Werbepausentätigkeiten ermöglichen. Dabei sollte es sich nicht um eine Art Kreuzfahrt handeln sondern um Aktivurlaub. Aber dazu später.
Nun war also der Törn gebucht. Er sollte in Martinique starten, zwei Wochen durch die kleinen Antillen führen und wieder in Martinique enden. Es mussten noch Flüge gebucht werden. Da traf es sich, dass ich beruflich voll im Thema steckte und an der Entwicklung einer Internetbuchungsmaschine arbeitete. Ich ließ mich also zur Pioniertat hinreißen und buchte die ersten zwei Flüge über die selbst mitentwickelte Software. Die Tickets kamen und sahen okay aus.
Es waren noch einige Monate bis zum Törn und in der Zeit dachte ich hin und wieder darüber nach, was mich wohl auf dem Schiff erwarten würde. Ich war zwar schon bei ein paar Tagestörns auf Großseglern, aber noch nie längere Zeit gesegelt. Außerdem, was ist an Bord alles zu tun? Artet es in Arbeit aus oder bleibt auch Zeit für Erholung? Immerhin wollte ich ja nicht zum Schuften in die Karibik fahren. Das war vor hunderten von Jahren modern. Die Nachfahren afrikanischer Sklaven mögen mir diesen Satz verzeihen.
Dank vieler Ablenkung durch Arbeit kamen diese und andere Gedanken erst wieder kurz vor dem Reisebeginn, als jede Art des Rückzugs berechtigterweise als feige und bange Tat anzusehen wäre. So war es dann am ersten Tag des Februars soweit, dass ich mit viel Ungewissheit und Neugier zum Flughafen fuhr und hoffte, dass mein Ticket akzeptiert würde.

Der Törn beginnt

Schon am Flughafen Düsseldorf erkannte ich die ersten Mitsegler an den typischen Stickern, mit denen sich die Mitsegler zu erkennen geben. Ich gab mich allerdings noch nicht zu erkennen, beobachtete aber in Paris wie sie es anstellten an Bustickets für den unvermeidlichen Flughafenwechsel von Paris Charles de Gaulle nach Orly zu kommen. Ich wartete noch auf die Maschine aus Berlin, mit der Sandra landen sollte. Sie kam mit zwei weiteren Mitseglern im Schlepptau, Gudrun und Stefan aus Dresden. Gemeinsam meisterten wir den Flughafenwechsel und standen in Orly in der Abfertigungsschlange. Im Transitraum fand dann das große Aufeinandertreffen der Segler statt. Einige kannten sich aus früheren Törns und so war schon ein erstes Kennenlernen angesagt. Unter ihnen waren auch schon der Kapitän, die Steuerleute und ganz wichtig: der Koch - oder besser der Smutje und seine Frau, Matthias und Angelika aus Leipzig.
Nach dem knapp einstündigen internationalen Flug von Düsseldorf nach Paris folgte nun der innerfranzösische Flug von Paris nach Fort de France von acht Stunden. Angekommen in Fort de France wurden wir von einem Bus abgeholt und zum Hafen gebracht, wo das Schiff lag. An Bord wurden wir in die Kojen eingeteilt. Ich sollte in den so genannten Pumakäfig. Das ist eine Koje für acht Mann ohne Bullauge und mit mäßiger Belüftung. Die Namensgebung muss ich an dieser Stelle sicher nicht weiter erläutern. Das positive war, dass ich die Koje mit fünf Damen und zwei Herren teilen sollte. Somit war also geringen Schnarchgefahr gegeben. Wir drei Männer sollten auch nicht schnarchen.
Als erste und einzige offizielle Aktion stand eine Sicherheitseinweisung auf dem Plan, wo wir gezeigt bekamen, wo sich Notausgänge befanden und wie wir uns in Havariefällen zu verhalten hätten. Danach gab es noch Abendbrot, vorbereiteter Eintopf und ein weiteres Kennenlernen an Deck. Dabei traf ich auf Helke, die mit einer ehemaligen Kommilitonin von mir zusammen gelernt hatte. Es stellte sich auch noch heraus, dass Gudrun und Stefan wie ich auch Ultimate Frisbee spielten, somit waren wir drei Scheibenwerfer an Bord. Die Welt ist halt ein Dorf.
Mit Stefan hatte ich auch die erste Hafenwache. Es galt aufzupassen, dass kein Fremder an Bord kam und das eine Feuerrunde gemacht wurde. Dabei handelte es sich um einen Rundgang, bei dem kontrolliert wird, ob alles im grünen Bereich ist. Ich liebe dieses Wortspiel mit dem grünen Becks Schiff. Dabei komme ich auch gleich noch auf das mit dem Schiff oft assoziierte Produkt zu schreiben. Zu Hause hatten mich meine Freunde und Kollegen oft um den Törn in der Karibik beneidet, aber auch dass ich auf einem Schiff reise, auf dem das Becks in Strömen fließen sollte. Pustekuchen! Durch einen Versorgungsengpass gab es kein Becks an Bord! Die Bierflaschen waren zwar von der gleichen Farbe, aber der Inhalt stammte von einer holländischen Großbrauerei. Und so saßen Stefan und ich nach der Hafenwache in der lauen Karibiknacht mit unserem Heineken in der Hand und genossen den ersten Feierabend. Zuvor konnte ich aber noch das korrekte Wecken der nachfolgenden Wache üben und nur ein Schelm würde behaupten, dass die erfahrene Leichtmatrosin Sonja nach meinem ersten Weckversuch vor Müdigkeit wieder einschlief. Ich bin mir sicher, dass sie mit einem Trainee wie mir nur das korrekte Wecken üben wollte.
„Als erstes werden wir Umbrassen, dazu alle Mann an die Tampen, holen und fieren. Die Stammcrew geht dann ins Rigg und löst die Segel. Dann laufen wir aus.“ Dies waren die ersten Worte unseres Kapitäns. Wer hier nur die Hälfte versteht, outet sich als Landratte. Ich habe erst auch nicht viel verstanden, aber nach und nach gingen auch mir die Begriffe in Fleisch und Blut über.
Es gab eine Einführung von unserem Toppsmatrosen Kai. Der Toppsmatrose leitet die Wache und setzt die Weisungen vom Steuermann auf die Leute um. Er sagt, wer, wann, wo dran, wie stark zu ziehen oder zu lassen hätte.
Wir verließen am Morgen Fort de France mit Motorkraft und nahmen Kurs auf Barbados. Die erste Wache stand an. Bei der morgendlichen Wacheinteilung wurde ich der 0-4 Wache zugeteilt. Für Fußballfans hört sich dies nach einem hohen Auswärtssieg an. Es handelt sich allerdings um eine Wache, die jeweils von 0-4 Uhr nachts und 12-16 Uhr tags arbeitet. Dass heißt Segel setzen oder einholen, die Masten umbrassen (drehen), Steuern, Glasen (die Zeit mittels Schiffsglocke verkünden), Wetter, Ausguck,...
Eines meiner ersten Tätigkeiten war Rudergänger. Das hieß weder dass ich rudern sollte noch dass ich gehen musste. Der Rudergänger steuert das Schiff mit dem Steuerrad – hält es auf Kurs – und steht dabei. Die korrekte Bezeichnung wäre also eigentlich Steuerständer. Vielleicht hieß ja auch mal so und auf Grund massiver zweideutiger Bemerkungen wurde ein neuer Begriff gesucht. Apropos Zweideutigkeiten, als Steuerberaterin wurde mir Sonja zugewiesen. Sie erklärte mir wie ich den Kompass und die Stellung des Ruders zu lesen habe und somit den Kurs halte. Dazu kam noch das Glasen. Das erfolgt alle halbe Stunde bei den Tageswachen und bedeutet Glockenschläge mit der Achternschiffsglocke um die Uhrzeit zu verkünden.
Danach galt es das Wetter zu messen. Ich werde es gleich vorweg nehmen, alles in allem war es interessant, nur ein Wert war den kompletten Törn über langweilig: die Wassertemperatur. Sie betrug tagein, tagaus konstant 27°C. Nur einmal maßen wir 24°C. Da erschreckten wir uns schon sehr und spähten nach Eisbergen, stellten aber dann doch fest, dass es ein Ablesefehler war.
Das erste Abendessen an Bord war bereits recht übersichtlich. Es hatte einige erwischt mit der Seekrankheit und so waren wir nicht allzu viele beim Essen. Selbst die Backschaft, die an dem Tag von Sandra geleitet wurde, war auf drei Mann zusammengeschrumpft.
In der ersten Nachtwache fielen einige Arbeiten an, die wir unter dem karibischen Sternenhimmel bei ziemlicher Dunkelheit doch sehr gut bewältigten. Im Anschluss gab es das Feierabendbier um halb fünf Uhr nachts mit interessanter Vorstellungsrunde. Unser Steuermann Wolf wollte dass wir uns besser kennen lernen und jeder erzählte einen Schwank aus seinem Leben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ohne weiteres bis halb sechs aushalte und morgens um halb zehn schon wieder wach war nach so einer Schicht, aber Schlafdefizit ist bei einem Segeltörn unvermeidlich, wie wir alle noch merken sollten.
Nachdem wir einige Seemeilen unter Motor gegen den Ostpassat fahren mussten, konnten wir nun nach Süden segeln und als unsere Nachmittagswache begann, waren bis auf zwei bereits alle Segel gesetzt. Ich hatte meinen ersten Ausguck zu machen. Keine Panik – ich hatte nicht in einem in dreißig Meter Höhe angebrachten Korb über dem Schiff zu sitzen mit einem ein Meter langen Fernrohr und zu hoffen, dass ich plötzlich „Piraten!“ schreien muss. Ich musste auf die Back – also ganz nach vorne – und dort schauen, wie es um den Gegenverkehr oder kreuzende Schiffe oder sonst irgendwelche interessanten Dinge steht. Mich erwartete ein Schnarchkonzert. Siggi, einer unser Maschinisten lag dort, schlief und sägte an den Masten. Bis ich von achtern das zaghafte Glasen der kleineren der zwei Schiffsglocken vernahm. Das bedeutete, dass ich mich nun an die ungleich größere Schiffsglocke im vorderen Teil des Schiffs zu begeben hatte, um das Zeitzeichen zu wiederholen. Ich weiß nicht, ob Siggi so ein fulminantes Ende seines Traumes gut fand – jedenfalls war er nun wach und putzmunter und verzog sich.

Barbados

Gegen Ende der folgenden Nachtwache, konnten wir schon die Insel sehen, die wir als erstes anlaufen wollten: Barbados. Nach einer sehr kurzen Nachtruhe stolperte ich bereits gegen sieben Uhr an Deck um zuzuschauen, wie wir neben zwei Ozeanriesen im Hafen von Bridgetown, der Hauptstadt von Barbados, anlegten. Zum Frühstück gab es Eierkuchen mit Apfelmus. Das tut hier zwar wenig zur Sache, sie waren aber so gut, dass sich sie hier mal erwähnen möchte. Vielleicht kann ich mich ja später noch mal interessant in den Vordergrund spielen mit der Satzhülse: „Weißt Du noch damals, die Eierkuchen in Barbados. Die waren lecker!“. So was schindet immer Eindruck.
Wir schienen auch Eindruck zu schinden. Amerikanische Touristen kamen an unser Schiff und meinten zu uns: „Wow, the Beck’s ship! You’ve a lot of the good German beer. What a holiday!”. Wenn die gewusst hätten...
Bridgetotwn Downtown hatte ich in knapp zwei Stunden abgeschritten. Nach dem Mittagessen wollten wir an irgendeinen Strand. Marc, mein Bettunternachbar, Sandra und ich gingen zu einem Busbahnhof, nachdem uns Taxifahrer mit Wucherpreisen verschreckt hatten, um eine Fahrt in den Norden der Insel zu unternehmen.
„You wanna to Speightstown?”. Wir hatten keine Ahnung, wie der Typ der mit diesen Worten auf uns zu kam, ahnen konnte, dass wir tatsächlich nach Speightstown wollten. Wir hatten gehört, dass es dort schöne Strände geben sollte und so war es in der Tat unser Ziel. Wie dem auch sei, kurze Zeit später fanden wir uns in einem Bus wieder, der uns mit ohrenbetäubender Reggae-Beschallung nach Norden fuhr. Genauso hatte ich mir immer das Leben in der Karibik vorgestellt. Wir fuhren immer an der Küste entlang und bekamen so die ersten Eindrücke von Barbados.
In Speightstown fanden wir einen sehr schönen Strand, an dem wir vorsichtig unsere Haut an die Sonne gewöhnten und im – wahrscheinlich 27°C warmen – Wasser schwammen. Es ist schon ein herrlicher Monat, der Februar.
Nach zwei Stunden reichte es unserer noch blassen Haut erstmal und wir machten uns auf den Weg zurück. Wir hielten den erstbesten Bus an und fanden uns inmitten diverser Schulklassen wieder. Da wir eng gedrängt stehen mussten, war dies nicht so bequem, wie die Hinfahrt, aber auch ein Erlebnis.
Am Hafen trafen wir wieder auf andere versprengte Reisegruppen unserer Crew. Wir gönnten uns noch eine Runde Planters Punch, ein Cocktail für den Barbados angeblich bekannt sein soll.
Zurück an Bord mussten wir leider feststellen, dass wir unsere Hoffnung in Barbados Becks zu bekommen, begraben konnten. Es war keines aufzutreiben gewesen, Minuspunkt für Barbados. Statt dessen bunkerten wir „Banks“, ein lokales Bier. Na, wenigstens klang es so ähnlich. Wir waren alle gespannt auf das Banks Experience. Und bereits beim Bierbunkern kam es dann noch zu einer kleinen Aufregung. Begeleitet von lokalen Sicherheitsbeamten, fuhr ein Taxifahrer vor und berichtete etwas von einer verlorenen Kamera. Er hatte diese wohl abends bei der Wagenkontrolle in seinem Wagen gefunden. Dann resümierte er wohl seine Fahrgäste und einer hatte ihm was von einem Schiff mit grünen Segeln erzählt. Und tatsächlich, einer unserer Mitsegler hatte in seinem Taxi eine Kamera vergessen. Während wir nun so die Bierkästen unter Deck schafften, konnten wir nebenbei noch diesem rührenden Happyend beiwohnen, Pluspunkt für Barbados.
Das Ablegen war wiederum ein All-Hands-Manöver. Das hieß, um Barbados sicher zu verlassen, mussten alle mit anpacken, egal ob er oder sie Wache hatte oder nicht.

Tobago


Eine wichtige Tätigkeit, die die 0-4 Wache zu erledigen hat, ist Kartoffelschälen. Wie wir alle wissen, schmecken morgens um halb drei geschälte Kartoffeln am besten. Dazu sollte es Fisch geben. Nach der Wache wurde der erste Banks-Test durchgeführt. Die Emotionen hielten sich in Grenzen.
Fisch zum Frühstück, Red Snapper und Seelachs, dazu – natürlich – Kartoffeln. Als 0-4 Wache verschliefen wir meistens das eigentliche Frühstück. Dafür hatten wir das Privileg als erste Mittag zu bekommen, da wir ja um 12 Uhr wieder ran mussten.
Es schien, als stände der ganze Tag unter dem Thema Fisch. Siggi hatte die ganze Fahrt über zwei Langleinen achtern im Schlepptau. Das einzige was er bis zu diesem Tag fing, waren aber nur allerlei mehr oder weiniger gut gemeinte Ratschläge und zweideutige Bemerkunken von den Mitseglern. Bei letzteren kann ich mich auch nicht so ganz rausnehmen. Die Idee mit den angehangenen Bananenschalen kam aber nicht von mir, war trotzdem ein Brüller an Bord. Nun schien es aber, dass Siggis Ausdauer belohnt werden sollte. Etwas sehr großes schien sich an seinem Haken verbissen zu haben. Gemeinsam zogen wir die Leine Stück für Stück an Bord und tatsächlich – ein verdammt großer, grüner Fisch hing dran. Ohne Übertreibung – er war über einen Meter lang. Petri heil. Das war natürlich das Highlight des Tages und Siggi genoss das Bad in der Menge.
Eine Halse stand auf dem Programm. Für Landratten: wir wenden das Schiff, um in die entgegengesetzte Richtung zu fahren. Dies kann auf zwei Arten geschehen, als Wende oder als Halse. Um mit einem Dreimaster eines dieser Manöver durchzuführen, bedarf es einiger Leute, die koordiniert diverse Tampen holen oder fieren (Seile ziehen oder lassen). Nach solch einem gelungenen Manöver ist es üblich, dass der Kapitän einen ausgibt, was unser dann auch tat. So hatten wir mit ein paar Flaschen Sherry einen schönen Wachausklang. Bei unserer Nachtwache stand abermals eine Halse an, die wir diesmal nur mit der abzulösenden Wache und leider ohne Sherry fuhren.
Im Gegensatz zu Barbados konnten wir in Tobago nicht in einem Hafen anlegen. Wir mussten vor einer Bucht ankern. Um an Land zu gelangen wurde eines der drei an Bord befindlichen Schlauchboote benutzt. Selbst dies gestaltete sich als recht abenteuerlich. Die Brandung war nicht ohne und das Boot konnte nicht bei jeder Landung an den Strand gezogen werden. Also hieß es, bereits in Badesachen übersetzen, die restlichen Sachen wasserdicht verpackt bereitzuhalten und kurz vorm Land ins Wasser zu springen mit den Sachen über dem Kopf und zum Strand waten. Wir brachten nur kurz die Sachen an Land und gingen dann sofort zurück ins Wasser. Hier war es wirklich fast wie in der Werbung, kristallklares Wasser, feiner Sandstrand, Palmen nur ohne diese designten Menschen, sondern mit einer lustigen Truppe ganz normaler Leute, die viel Spaß hatte. Darüber hinaus konnte ich noch meiner liebsten Sportart frönen. Ich warf mit Gudrun ein paar Scheiben am Strand, andere Mitspieler kamen bald dazu.
Nachdem wir uns nun sportlich ertüchtig hatten, wollten wir noch etwas von der Insel sehen. Wir fuhren aber nicht mit dem Auto oder dem Bus um das Eiland, sondern entschlossen uns für einen Fußmarsch in den nahe gelegenen Ort Plymouth. Wir fanden sogar eine Poststelle für unsere bislang geschrienen Postkarten. Nach diesem Gewaltmarsch von etwa einer Stunde, fühlten wir uns reif für die Strandbar, wo wir es bis zum Abend sehr gut aushielten.
Der Rücktransport startete bereits, als wir nochmals die angenehmen Fluten mit Schwimmen genossen. Zufällig befand sich noch ein Urlauber, der auch schon mal vor Jahren mit der Alex in der Karibik war in der nahen Hotelanlage und kannte auch ein paar von unserer Stammcrew. Die Welt ist halt ein Dorf. Er gab noch ein paar Runden aus und wir schwatzten mit ihm über den Törn.
„Das Boot!“ - ein Schrei zerriss unsere heitere Ausgelassenheit. Eine Welle hatte unser an den Strand gezogenes Schlauchboot erfasst und beinahe mit sämtlichen darin befindlichen Sachen umgekippt. Mit einer Geschwindigkeit, die auf Sandstrand im Dunkeln sicher ihresgleichen sucht, erreichten wir das im Wasser schwimmende Boot, stiegen dann auch gleich ein und verließen Tobago. Im allgemeinen Tumult opferte Kai noch ein paar Sandalen und ich ein T-Shirt.

Die Grenadinen

Meine erste Backschaft stand an und die sollte sich gleich gewaschen haben. Schon der Weg aus der Koje in die Messe war anstrengender als zuvor. In der Messe dann waren Halteseile gespannt. Und das hatte seinen Grund, wir hatten starken Seegang und das Schiff schwankte ordentlich hin und her. Als wir begannen einzudecken, flogen auch schon die ersten Marmeladengläser und Tassen über die Tische und wir freuten uns schon auf das Saubermachen danach. Zum Mittag dann entschieden wir uns, Schweinebraten, Blumenkohl und – von meiner Wache in der Nacht geschälten – Kartoffeln in tiefen Tellern persönlich auszugeben und nicht wie üblich auf den Tischen zur Selbstbedienung zu verteilen. Trotz dieses wirklich leckeren Essens kamen sehr wenig zu den Mahlzeiten, ihre Mägen wiesen im Gegensatz zu meinem die Nahrung ab. Da ich nur selten gerne was verkommen sehe, haute ich tüchtig rein. Ich hatte auf dem gesamten Törn keinerlei Probleme mit der Seekrankheit. Im Gegenteil - ich aß erschreckend gut. Letzteres lag aber vor allem auch an unseren beiden Köchen Matthias und Angelika, die kontinuierlich Spitzenmahlzeiten in der Kombüse zauberten.
Am Nachmittag ankerten wir bereits vor Palm Island, einer Privatinsel in den Grenadinen. Der Kapitän und ein Steuermann waren bereits unterwegs nach Union Island um uns einzuklarieren. In der Zeit gab es Riggeinweisung für unsere Wache. Ich hatte nun keinerlei Veranlassung daran teilzunehmen. Einerseits hatte ich ja Backschaft, andererseits habe ich Höhenangst. Trotzdem wollte ich nicht ohne einen Versuch mal auf einen der Masten zu steigen, diesen Törn beenden. Sonja erklärte sich bereit, mit mir eine Riggeinweisung zu machen. Wir stiegen also den Großmast hoch bis zur ersten Saling und von dort gingen wir auf die Untermarsrah. Von dort hatten wir schon einen herrlichen Blick auf die Inseln und mir war es hoch genug.
Dann wurden wir auf Palm Island ausgeschifft und machten es uns an einem Traumstand gemütlich. Vorausschauend hatte ich zwei Frisbeescheiben mitgenommen, die auch bis zum Dunkelwerden durch die Luft flogen. Dann hieß es, die Strandbar testen. Sie machten wirklich gute Cocktails und akzeptierten Kreditkarten – eine gefährliche Mischung. Eine Steeldrumband begann sich warm zu trommeln und intonierte gängige Charthits ausschließlich auf ihren typisch karibischen Schlaginstrumenten. Wir fragten uns, ob wir uns eventuell mal zum Test „Smoke on the water“ von Deep Purple wünschen sollten, wahrscheinlich würden sie dass auch darbieten. Der Aufenthalt endete mit einer Limborunde, die mein Kreutz aber verweigerte. Dafür war einer unser Stimmungskanonen an Bord - Abi - voll in seinem Element und ich befürchtete schon, dass sein Lachen und Grinsen nur durch plastische Chirurgie wieder weg zu bekommen war.
Aber der Abend sollte noch lange nicht zu Ende sein. Zurück an Bord versammelte sich nach dem Abendbrot fast die ganze Mannschaft in der Steuerbordhamstertasche – der einzige Ort an dem auf dem Schiff das Rauchen erlaubt ist – und der Doc quälte seine Gitarre. Nein, keine Angst, er spielte und sang sehr gut und hatte auch ein umfassendes Repertoire. So verging die Zeit bis Mitternacht recht schnell. Dann der absolute Überraschungssong: „Happy Birthday!“. Aber ich war vorbereitet auf meinen Geburtstag. Immerhin habe ich jedes Jahr am selben Tag. Der Kapitän gratulierte mir als erster und baute die Glückwünsche gleich als kleine Ansprache aus. Dann fielen sie alle über mich her mit ihren Glückwünschen. Ich konterte mit Vitaminen gegen Skorbut: Birnen- und Apfelkorn. Die Kombüse hatte noch einen Geburtstagskuchen gebacken, den ich verteilte. So hielten die letzten noch bis zwei Uhr morgens aus, auch der Doc und Reste seiner Stimme.
Jemand der in Deutschland wohnt und im Februar Geburtstag hat, kann nicht gerade mit Gartenfesten oder Grillabenden zum Feiern locken. Aber wer kann schon mit einer unbewohnten Insel in der Karibik, lauter netten Leuten am Strand und einem Korallenriff im türkisfarbenen Wasser aufwarten? Ich konnte es. Und ich genoss es. Wir waren mit der Alex in ein Horseshoe-Riff hineinmanövriert und lagen vor den Tobago Cays. Das sind vier kleine unbewohnte Inselchen, die wie auf einer Postkarte aussehen. An der größten der vier Inseln wurden wir abgesetzt und hatten den ganzen Tag Zeit zum Schnorcheln, baden, faulenzen. Tja und genau das taten wir dann auch. Darüber hinaus erklimmten wir noch den Inselberg, um von oben eine herrlichen Blick über das Paradies zu bekommen. Dank des Kapitäns konnte ich noch eine Flasche Sekt spendieren und eine Tüte ging auch noch herum. Nein, es wurde kein Gras verbrannt. In der Tüte befanden sich Weichgummierzeugnisse aus Bonn. Dann fragte uns eine dort befindliche Catering Crew einer amerikanischen Reisegruppe noch, ob wir eventuell noch Interesse an den reichlich vorhandenen Speisen hätten. Wir hatten.
Da eine der Nachbarinseln nur etwa hundert Meter entfernt war, entschloss ich mich gemeinsam mit Eike, Jörg und Christian mal hinüber zu schwimmen. Eigentlich war es nur als kleine sportliche Abwechslung an diesem faulen Tag gedacht, aber als wir ankamen entdeckten wir einen großen Muschelfriedhof von diesen großen Schneckenmuscheln. Alle Biologen mögen mir den Ausdruck verzeihen. Ich weiß nicht wie die korrekte Bezeichnung ist. So schwammen wir jeder mit einer Muschel in der Hand – das war das maximal mögliche Anzahl um noch schwimmen zu können – wieder zurück.
Dann kam Kai auch noch von der Alex – er hatte Ankerwache – und wollte auch mal so im Wasser rumdümpeln. Er hatte noch nie im Leben geschnorchelt und wollte es mal ausprobieren. Eine Brille und einen Schnorchel aufgesetzt marschierte er mit dem typischen Storchengang in Richtung Wasser. Wir wiesen ihn erstmal daraufhin, dass diese Gangart, die er aus dem Fernsehen kannte nur bei angelegten Taucherflossen notwendig ist. Ohne die könnte er mit Brille und Schnorchel ganz normal ins Wasser gehen. Anne, die gemeinsam mit ihm draußen schnorchelte kam etwas früher aus dem Wasser und meinte, Kai sei ganz aufgeregt, weil er einen so großen Fisch gesehen hätte und ahmte in etwa die Größe nach, die Kai ihr im Riff zeigte. Als Kai dann an Land kam, war der Fisch schon um einiges größer geworden. Wer weiß wie groß er war, als er zu Hause die Geschichte seinen Freunden erzählte.
Leider ging auch dieser Tag viel zu schnell rum. Es war sicher einer meiner schönsten Geburtstage, um auch hier ein für alle mal die Fragen meiner Mitsegler zu beantworten. Denn den Satz „Na, solch einen Geburtstag im Februar hast Du wohl auch noch nicht gehabt?!“ habe ich doch einige Male gehört. Nein, solch einen Geburtstag hatte ich selten. Insbesondere solch einen intensiven, denn Schlaf hatte ich wirklich kaum gehabt und um Mitternacht stand schon wieder Wache an.
Und die Wache sollte gleich mit einer Halse beginnen. Also es sah nach viel Arbeit aus. Aber als wir bereit waren für das Manöver, schlief der Wind ein. An Bord der Alex besteht eine alternierende Beziehung zwischen dem Wind und den Maschinisten. Schläft der eine, müssen die anderen ran. Und so musste unser Maschinist Klaus geweckt werden. Wir machten die Halse dann mit Motorhilfe.
Nudeln und Gulasch zum Frühstück und auch ein erstes Bier, denn wir lagen bereits wieder vor einer weiteren Insel und hatten keine Wache. Bequia gehörte auch zu den Grenadinen, war aber kein einsames Eiland, sondern schon etwas größer und durchaus bewohnt. Als wir am Nachmittag übersetzen, bildete sich zunächst eine Vierergruppe aus Sandra, Gudrun, Harald und mir, die einfach so durch den Ort schlenderte. Dann entstanden zwei Zweiergruppen. Eine wollte bei der Hitze unbedingt noch weiterlatschen mit der Hoffnung, vielleicht doch noch was sehenswertes in diesem gottverlassenem Nest zu finden und die andere Gruppe wollte es einfach den Einheimischen gleichtun und den Sonntag genießen und irgend wo ein Eis essen und später in einer Bar einkehren. Ich gehörte natürlich zu der ersten Gruppe und gemeinsam mit Gudrun erklimmten wir noch einen Aussichtshügel von dem wir die komplette Bucht inklusive Alex überblicken konnten.
Auf dem Rückweg wollten wir noch einen Rum kaufen – eine kleine Flasche. In einem kleinem Laden gab es auch Rum, aber nur in großen Literflaschen. Einerseits hätte uns ein halber Liter gereicht, andererseits hatten wir nicht mehr soviel lokale Währung, um eine große Flasche zu bezahlen. Der Ladenbesitzer meinte aber: „No Problem“. Wir legten den von uns gewillt zu zahlenden Betrag auf dem Tisch und er öffnete eine große volle Flasche und schüttete sie in eine große leere Flasche um, bis er meinte, dass es für das Geld genug sei. Tja, das Leben in der Karibik kann so einfach sein.
Auf dem Rückweg trafen wir dann noch den Rest unser Gruppe beim Eis essen. Irgendwer hatte uns gewarnt, in der Karibik Eis zu essen, auf Grund der Salmonellengefahr. Allerdings machte das Eis einen wirklich sehr guten Eindruck. Natürlich kauften wir Eis und übergossen es mit dem gerade erstandenen Rum – nur um eventuelle Erreger abzutöten. Die weitere Geschmacksverbesserung mussten wir einfach in Kauf nehmen. Was tut man nicht alles für seine Gesundheit.
Siggi hatte mal wieder einen Fisch gefangen, einen Baracuda. Somit gab es zum Abendbrot noch Fisch und Siggi zelebrierte geradezu seinen Fang.
Einige von unserer Wache bleiben lange in der Strandbar und so wurde ich zur Wache von Anne geweckt, die gerade aus der Bar kam und sehr lustig war. Das war sie eigentlich meistens, aber nach dem Barbesuch schwang noch etwas Aufgedrehtheit mit. Das konnte sie gleich mit uns allen bei der Wache einsetzen, denn es gab viel zu tun.
Beeindruckend für mich war das enorme Meeresleuchten, als ich am Ausguck stand und die Meeresoberfläche beobachtete. Der Grund dafür sind wohl Planktonkrebse, die durch die Bugwelle zum fluoreszieren animiert werden. Da wir außer ein paar Positionsleuten nachts keinerlei Licht anhatten, konnte ich dieses Leuchten auf der Meeresoberfläche sehr schön beobachten.
Geweckt durch Bratkartoffelduft fand ich mich kurze Zeit später auch schon vor einem Teller wieder und frühstückte gemeinsam mit meiner Wache bevor es wieder an Deck ging. Wir waren zu schnell und mussten einiges an Segeln runterholen. Ein Treffen der Trainees beim Kapitän unterbrach unsere Wache. Dort konnten wir alle positiven und negativen Dinge, die uns als Erstsegler auffielen zur Sprache bringen. Und es kam durchaus zu einer etwas gespannten Situation. Immerhin sind hier sechzig Leute an Bord unterschiedlicher Alterstufen mit unterschiedlichen Vorstellungen von solch einem Törn. Dass es da zu Meinungsverschiedenheiten kommt, ist sicher jedem seit Big Brother bekannt. Und wir hatten unsere Touristen. Da ich mich nun nicht zu der Gruppe zählte, schildere ich die Umstände hier nur aus meiner Sicht. Ich finde aber sie sind erwähnenswert, denn auch sie gehörten zum Bordleben. Also einige, meist die älteren Jahrgänge, waren wohl nicht auf einen solch arbeitsintensiven Törn eingestellt. Nicht dass sie Kreuzfahrtatmosphäre erwartet hatten, aber bei der täglichen Arbeit an Bord waren sie nicht besonders motiviert und wenn es zum Landgang ging, waren sie die ersten im Shuttle Boot. Dabei steht es wirklich sehr deutlich in den Reiseunterlagen, dass dies keine reine Urlaubsfahrt mit Vollservice ist. Aber um jetzt in einer solchen Versammlung mal aufzustehen und zu bekennen, dass sie sich in mancher Hinsicht deplaziert und falsch behandelt fühlten, fehlte ihnen auch der Mut. Da machte das „Hinterdemrückenherummosern“ schon mehr Spaß und es hatte längst eine Gruppendynamik eingesetzt. Solch eine Gruppenreise ist somit auch immer aus gruppenpsychologischen Gesichtspunkten interessant. Teilweise hatte es mich sehr amüsiert.