Zwei Wochen Afrika und eine Woche keine Einsamkeit

oder: Richtiger Strand am falschen Meer im warmen Herz Afrikas

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Kimberley

Ich schlief bis sieben Uhr! Damit war ich ja schon fast ein Langschläfer. Na gut, es war Sonntag, da ist so was erlaubt. Nach dem Frühstück warten wir auf Charles, der uns zum Flughafen bringen sollte. Er kam pünktlich zwanzig Minuten zu spät. Er war am vorigen Tag erst im Dunkeln in Senga Bay angekommen und durfte wegen der Dunkelheit nicht mehr zurückfahren nach Lilongwe. So hatte er dort übernachtet und war demzufolge direkt von dort gekommen. Unterwegs hatte er noch einen Platten. Glücklicherweise hatte er noch in Sambia sich um einen neuen Reifen gekümmert.
Am Flughafen verabschiedeten wir uns von Charles und verließen Malawi in Richtung Johannesburg. Dort trennten sich Irmas und meine Wege. Sie wurde abgeholt und wollte noch ein paar Tage in den Drakensbergen verbringen. Ich begab mich zu dem Anschlussflug nach Kimberley.
Der Flughafen in Kimberley vermittelte fast familiäre Atmosphäre. Es gab keinen Zollbereich und so konnte ich während das Gepäck noch nicht entladen und auf das Gepäckband gebracht wurde, mich um meinen Mietwagen kümmern.
Als ich die Angestellte noch nach dem besten Weg zu meiner Unterkunft fragte, schaute sie mich beeindruckt an: „Edgerton House? Da wohnen Sie? Nicht schlecht!“. Sicher, es war nicht die billigste Unterkunft in Kimberley, aber so mondän hatte ich sie mir nun auch nicht vorgestellt. Der Hauptgrund für die Wahl war eigentlich, dass sie Abendbrot anboten. Ich hatte keine Lust abends nach dem Flug noch im dunklen, mir unbekannten Kimberley nach einem Restaurant zu suchen.
Das Gästehaus hatte es wirklich in sich. Es war wie ein Museum. Mich erwartete ein zahnloser Nachtwächter, der mir mein Zimmer zeigte, ein Bier aufmachte und meinte für mich sei kein Abendbrot bestellt worden. Da war wohl ein Fehler in der Kommunikation passiert. Da ich auf dem innersüdafrikanischen Flug noch ein Abendbrot bekam, welches aus wirklich vorzüglichem Lachs bestand, war ich eigentlich gesättigt und nicht allzu böse über diesen Fauxpas. So genoss ich ein paar Windhoek Lager und ließ mir das Zimmer zeigen in dem schon Nelson Mandela nächtigte und in dem für den kommenden Freitag Thabo Mbeki gebucht war, der aktuelle südafrikanische Präsident. Ich war beeindruckt von dem Gästehaus. Noch dazu, dass sie zwei echte Rembrandts im Aufenthaltsraum zu hängen hatten. Aber mein Abendessen vergessen. Der Nachtwächter erklärte mir, dass er noch auf eine Dame wartete, die wohl von Übersee komme, mit dem letzten Flug eintraf und die im Gegensatz zu mir ein Abendessen bekam. Kurze Zeit warteten wir beide. Dann kamen Gäste, die ihn etwas in seiner Planung durcheinander brachten. Er fragte nochmals nach meinem korrekten Namen und da stellte sich heraus, dass sie wohl meinen Vornamen für einen weiblichen gehalten hatten und ich die Dame war. Das Abendessen war okay. Es stand wohl schon eine Weile. Etwa solange wie ich schon da war.
Satt und zufrieden schlief ich ein.
Ein Sprung in den Pool machte mich endgültig wach. Nach ein paar Bahnen war ich fit für das Frühstück und neue Abenteuer. Das große Loch wartete auf mich. Das hatte nichts mit Weltraum zu tun, denn es war nicht schwarz, sondern schimmerte grünlich, da es mit Wasser gefüllt war. Kimberleys Hauptattraktion entstand Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Diamantenschürfer dieses größte von Menschenhand geschaffene Loch gruben. Es befand sich eine Museumsanlage rund um das Loch, die sehr gut einen Eindruck von den damaligen Verhältnissen vermittelte. Es war Montag früh zehn Uhr und ich war der einzige Besucher dort. Ein Mitarbeiter, der an der Anlage saß, an dem Touristen selbst Diamanten waschen konnten, erzählte mir, dass sie noch viel vor hätten und die Anlage zu einem Freizeitpark mit Hotels und diversen Unterhaltungseinrichtungen ausbauen wollten.
Die restliche Zeit in Kimberley verbrachte ich damit einmal durch das Stadtzentrum zu laufen, Geld zu holen, eine neue Sonnenbrille zu kaufen, da mir meine kaputt gegangen war und mich beim Verlassen der Stadt zu verfahren.

Karoo

Ich fuhr in südwestlicher Richtung und mein erster Halt waren die Schlachtfelder von Maggersfontein. Hier hatten die Britten im Burenkrieg eine Niederlage gegen die Buren hinnehmen müssen. Das Museum hatte eine wirklich eindrucksvolle Installation der Szene. Neben den geschichtlichen Hintergründen, die ich hier erfuhr, hatte ich zudem einen tollen Blick über das Land. Im Restaurant kam ich ins Gespräch mit einem Südafrikaner, der dort arbeitete. Ich war mal wieder der einzige Besucher und wurde dementsprechend verwöhnt. Wir diskutierten über viele aktuelle politische Themen aus Südafrika und Deutschland. Jetzt zeigte sich, dass es sich gelohnt hatte in Deutschland hin und wieder die südafrikanischen Zeitungen online zu lesen. Der Typ war verblüfft über mein Wissen die lokale Politik betreffend.
Kurz vor Hopetown bog ich ab, um am Orange River entlang zu fahren. Dies tat ich nicht ohne Grund. Ich kam so durch Orania, einer Weißen-Kommune, in der nach der Philosophie der Buren gelebt wurde. Im ganzen Ort sollte es keinen Farbigen oder Schwarzen geben. Vor der Schule wehte die alte Burenflagge. Die Leute, denen ich begegnete, winkten mir sehr freundlich zu, ob alt oder jung. Der Ort machte einen sehr sauberen, gepflegten Eindruck und unten am Fluss entstand gerade eine Ferienanlage, die wirklich sehr einladend aussah. Ich hatte leider keine Gelegenheit mich mit den Bewohnern zu unterhalten. Vielleicht wäre das auch gar nicht möglich gewesen, da sie wohl auch nur ungern englisch sprachen.
Auf dem weiteren Weg durch die Karoo genoss ich die endlos scheinende Landschaft. Mein Tagesziel war eine Farm mitten in der Karoo, New Holme. Ich musste noch acht Kilometer von der Straße durch Weidegebiet fahren, bis ich die Farm erreichte. Da ich der einzige Gast für die Nacht war, konnte ich mir mein Zimmer aussuchen. Anschließend machte ich noch einen Farmrundgang - natürlich begleitet von der Haushündin - und ging auch zu den Weiden, wo die Besitzer Elendatilopen und Steinböcke hielten. Die seien allerdings nur für die Touristen gedacht, erklärte mir später der Farmer, als wir zusammen im Boma den Braai vorbereiteten. Für Südafrikaunkundige: Boma ist eine Art kleiner Hof, meist umschlossen von einer dichten Hecke und Braai ist die südafrikanische Version des Grillens.
Die Menge des Essens, die ich erhielt, war allerdings wohl für drei oder vier Gäste geplant gewesen. Ich versuchte wenigstens von jedem etwas zu probieren, um nicht unhöflich zu wirken. Nebenbei erfuhr ich, dass die Farm elftausend Hektar groß sei. Das wäre eine durchaus normale Größe in der Gegend. Sie bräuchten pro Schaf vier Hektar Weide. Als ich fragte, ob er mir das plastischer beschreiben könnte, frage er, ob ich die Hügel am Horizont sähe. Ich bejahte. Dahinter seien es noch weitere zehn Kilometer und in die entgegengesetzte Richtung auch so zehn Kilometer. Wow, das war groß!
Für den Morgen hatte ich zwar einen Wecker gestellt, aber den brauchte ich nicht. Auf der Farm gab es nämlich den klassischen Wecker, den Hahn. Das Frühstück bestand neben dem obligatorischen Ei mit Speck auch aus einigen kleinen Steaks vom Vorabend. Auf dem Lande wurde jede Kalorie gebraucht.
Die große weite Ebene hatte mich wieder. Via Hanover fuhr ich nach Graaf Reinet und kam dort schon vor dem Mittag an. Ich fuhr schon mal zu meiner Unterkunft Andries Stockenström, um zu fragen, ob ich meine Sachen und das Auto dort schon mal lassen könnte, während ich mir per pedes die Stadt anschaue. Ich konnte beides. Obwohl mein Zimmer oder besser meine Suite noch in der Reinigung befand, konnte ich dort schon mein Hab und Gut abstellen und zu einem Stadtrundgang aufbrechen. Graaf Reinet ist so klein, dass wirklich so ziemlich alles zu Fuß erlaufen werden kann. Die Kirche, das Museum, ein wirklich gefährlicher Kakteengarten lag auf meinem Weg.
In meiner Unterkunft wurde ich mit selbst gemachten Kuchen verwöhnt und ich ließ es mir bei den Temperaturen nicht nehmen ein paar Runden im Pool zu drehen. Obwohl das eigentlich nicht möglich war, da mitten im Pool ein Pfeiler stand, der wohl schon so manchen kräftigen Schwimmzug abrupt beendete.
Das Valley of Desolation ist die Attraktion in der Gegend um Graaf Reinet. Um es zu sehen, musste ich in den gleichnamigen National Park fahren und dort einige Serpentinen erklimmen. Von oben hatte ich einen wirklich beeindruckenden Blick auf Graaf Reinet selbst und andererseits auf das Valley, das eigentlich aus einer weiten Ebene bis zum Horizont bestand. Ein Rundwanderweg ließ mit immer neuen Ausblicken aufwarten. Pünktlich zum Sonnenuntergang füllten sich die Aussichtsplätze mit anderen Touristen, die dieses tägliche Naturschauspiel bestaunen wollten.
Wieder in meiner Unterkunft angelangt, traf ich auf meine Verabredung. Ingrid und Klaus hatte ich durch das Internet kennen gelernt und erfahren, dass sie am selben Tag wie ich in der selben B&B übernachten wollten. Nach dem Kennenlernen in der realen Welt, beschlossen wir gemeinsam zu Abend zu essen. Und das Essen ist eigentlich der Hauptgrund, weshalb ich Andries Stockenström ausgewählt hatte. Die Besitzerin war nämlich eine begnadete und mehrfach prämierte Köchin. Das Abendessen übertraf wirklich alle Vorstellungen. Uns erwartete eine innovative Cuisine, bei der auch jedes kleinste Detail aufeinander abgestimmt war. Ich habe selten so gut gespeist, umrandet von einer herzlichen Konversation und sympathischen Gästen. Nach dem Essen kam ich auch noch mit anderen Gästen ins Gespräch und es wurde ein langer abwechslungsreicher Abend.
Ich hatte eine ganze Flasche Wein allein getrunken, dazu noch ein Appetizer und ein Absacker. Dafür ging es mir am kommenden Morgen sehr gut. Das sprach für die Qualität der alkoholischen Erzeugnisse oder für meine Trinkfestigkeit. Ich tendiere zu ersterem. Beim Frühstück wurde ich freundlich von den Gästen begrüßt und wieder fielen wir in eine nette Plauderei. Und ich hatte Angst als Alleinreisender allein zu sein. Nicht in Südafrika. War der Ort gut genug für einen Tag, so hätte ich noch Wochen in der Unterkunft bleiben können. So folgte ich wieder dem endlos scheinenden Band der Teerstraße und fuhr in Richtung Oudtshoorn. Dort machte ich einen kleinen Einkaufsstopp und fuhr dann über den beeindruckenden Robinson Pass nach Mosselbay und weiter nach Still Bay. Das war die längste Etappe auf meiner gesamten Tour.

Stillbay, DeHoop, Agulhas

Ich kam am frühen Nachmittag in der Stillbay River Lodge an und wurde von einer Angestellten mal wieder vor die Qual der Wahl gestellt. Ich konnte mir aus etwa zehn Zimmern eines auswählen. Ich nahm letztendlich ihre Empfehlung, da wirklich alle gleich gut waren. Auf der Terrasse trank ich einen Kaffee und machte mich dann auf den Weg zum Strand. Ich fuhr noch ein paar Runden durch diesen beschaulichen Küstenort, der zum Ferien machen und Entspannen einlud. Am Abend traf ich dann auch auf die Besitzer der Lodge, Annette aus Deutschland und Craig aus Südafrika. Beide waren mir auf Anhieb sympathisch. Sie waren in meinem Alter und machten einen sehr aufgeschlossenen Eindruck. Annette kam aus Köln, da hatten wir eine Menge zu bequatschen. Am Abend kamen Craigs Eltern und sie zogen zu viert in ein Restaurant. Ich ging derweil in eine Pizzeria, die sich auf dem Grundstück der Lodge befand. Da es im Vergleich zum Vorabend so ziemlich jedes Restaurant schwer gehabt hätte zu konkurrieren, wählte ich absichtlich diese Low Budget Variante. Die Pizza war okay und ich wieder satt. In der Lodge saß die Angestellte und schaute auf einen Pay TV Sender einen Actionfilm. Ich nahm mir ein Bier aus der Bar und setzte mich dazu. Sie klärte mich noch über die Zusammenhänge in dem Film auf, die erwartungsgemäß nicht sehr kompliziert waren. Nach dem Film unterhielten wir uns noch eine Weile über allerlei Themen. Sie war coloured – eine Farbige – und erzählte vom Leben dieser Bevölkerungsgruppe. Im Grunde hätte sich seit der Apartheid nichts für sie geändert. Waren während dieser Zeit die Weißen die Privilegierten, die Schwarzen am unteren Ende der Gesellschaft und die Farbigen in der Mitte, so war es heute immer noch so, dass sie in der Mitte waren, nur dass Schwarz und Weiß die Plätze getauscht hätten. Soweit ihre Theorie. Dann wurde ich noch über die angesagtesten Radiosender und Szeneclubs von Kapstadt aufgeklärt. Sie plauderte wasserfallartig drauflos und überschüttete mich mit teilweise sehr interessanten Geschichten. Es war ein kurzweiliger Abend, den ich mit einem weiteren Film im Pay TV abschloss.
Zum ersten Mal hatte es mein Wecker geschafft mich zu wecken. Das Frühstück wurde von Annette und mir sehr ausdehnt. Wir hatten zu viele Themen, die wir erörterten. Leider wollte ich an diesem Tag schon weiter und noch einiges sehen, so blieb ich nicht bis elf Uhr elf um mit einer Kölnerin am elften November auf den Beginn der fünften Jahreszeit anzustoßen. Die Angestellte war enttäuscht. Sie hatte gehofft, wir setzten uns lustige Hütchen auf und singen kölsche Karnevalslieder. Vielleicht ein anderes Mal.
Es war der einzige Tag an dem ich noch keine Unterkunft reserviert hatte. Mein Plan war es im DeHoop National Park nachzufragen, ob sie eventuell für einen Einzelreisenden ein spezielles Angebot für eine Übernachtung hätten, da sie laut ihrer Website nur auf Familiengrößen ausgelegt waren. Der Weg zum Nationalpark führte ausschließlich über Schotterpisten durch einsame Landstriche. Ich hatte einen Fluss mittels einer Fähre zu überqueren, die mit Muskelkraft bedient wurde. Im Park waren alle Unterkünfte ausgebucht. So zückte ich mein Telefon und rief bei ein paar Adressen an, die ich mir vorsorglich als Alternativen notiert hatte. Die Arniston B&B im gleichnamigen Ort hatte noch ein Zimmer für mich.
Jetzt konnte ich mich auf den Park und seine Bewohner konzentrieren. Davon liefen einige herum. Vor allem Buntböcke, Zebras und Paviane sah ich jede Menge. Am Strand konnte ich drei Wale im Meer beobachten und auf dem Weg lag eine Puffotter, die aber schnell wieder ins Gebüsch verschwand. Als ich um eine Kurve bog, stand ich plötzlich vor einer großen Herde Elendantilopen und wir schauten uns alle gegenseitig verdattert an. Die Zeit im Park verlief wie im Fluge und ich machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Unterwegs überholten mich etliche Motorradfahrer, die auf der mit Steinen gespickten Piste an mir vorbeizogen in den riesigen Staubwolken gegen die Sonne mit etwa hundert Stundenkilometern. Nicht nur, dass es mir ziemlich riskant erschien, es war auch sicher für die Fahrer ziemlicher Stress sich bei der Geschwindigkeit und schlechter Sicht auf mögliche Gefahren zu konzentrieren.
In Arniston telefonierte ich noch mal mit der B&B, um einen genaue Wegbeschreibung zu erhalten, da sah ich schon jemanden mit einem Mobiltelefon an der Straße winken. Ich war kaum zwanzig Meter von der B&B entfernt. Demzufolge war die restliche Navigation kurz und unkompliziert. Die Unterkunft machte einen sehr guten und gepflegten Eindruck. Mein Zimmer war sehr schön, mit Terrasse und großem Bad. Ich hätte auch dort zu Abend essen können, aber aus irgendeinen nicht mehr nachzuvollziehenden Grund zog ich es vor, im örtlichen Hotel zu speisen und so noch etwas durch den Ort zu schlendern.
Als ich mich gerade auf den Weg machen wollte, entdeckte ich, dass mein Auto so komisch stand. Der Grund war ein Plattfuss. Die Schotterpisten des Tages war wohl der Grund dafür gewesen. Da ich nun aber mental auf Nahrungsaufnahme und nicht auf Reifenwechsel eingestellt war, beschloss ich, erst am nächsten Morgen das Rad zu wechseln und ging in den Ort.
Vor dem Hotel standen etliche Motorräder und im Hotel traf ich auf die dazugehörigen Easyrider. Es waren Deutsche, die es so eilig hatten. Ich reservierte einen Tisch und schaute mir in aller Ruhe den Ort an. Das dauerte etwa zehn Minuten, dann war ich überall gewesen. Das Essen war sehr gut. Obwohl ich hier in dem Fischerdorf keinen Fisch sondern Straußensteak verzehrte, wurde ich zuvorkommend bedient. Den Rückweg fand ich Dank meiner Taschenlampe auch in dem komplett dunklen Ort.
In der Unterkunft empfingen mich zwei deutsche Pärchen, die mich auf meinen Plattfuß hinwiesen. Ich erklärte ihnen die Situation und setzte mich zu ihnen an den Tisch. Wir fanden einige Gesprächsthemen, als sich herausstellte, dass sie aus Berlin stammten und auch noch die Gegend genau kannten, wo meine Eltern und mein Bruder wohnten. So saßen wir achttausend Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt und diskutierten über die Läden in der Bölschestraße im Berliner Stadtteil Friedrichshagen. Aber es kam noch besser. Als ich beiläufig erwähnte, dass ich elf Jahre in Rostock gelebt hatte, wurde eine der vier hellhörig. Es war Astrid, die aus Rostock stammte und dort nur zwei Straßen von mir entfernt gewohnt hatte. Jetzt wurde es kurzzeitig ein Dialog zwischen Astrid und mir, begleitet von einigen Selbstgebrannten aus der B&B und periodischen 'Ick fasset nich!'s der anderen, die es nicht fassen konnten, dass soweit entfernt von der Heimat sich Menschen trafen, die sich nie zuvor gesehen hatten um sich über ihre gemeinsamen Lieblingskneipen und -clubs auszutauschen. Ein toller Abend.
Ich wachte um sechs Uhr mit einem kleinen Katerchen auf. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich neben den ständig aufgefüllten Bieren auch noch mindestens viermal mit Astrid Brüderschaft getrunken. Wie viele Prozente der Selbstgebrannte hatte, hatte ich entweder nicht erfragt oder wieder vergessen. Immerhin konnte ich noch sehen. Ich machte mich zunächst an meinem Auto zu schaffen und wechselte den Reifen. Dann duschte ich und unternahm einen Morgenspaziergang durch den Ort. Eine Seebrise soll ja Wunder helfen bei nebligem Kopf. Als ich zurückkam, waren auch der Besitzer und seine Frau wach und machten mir ein Frühstück. Von den vier Berlinern sah ich noch nichts als ich mich gegen neun auf den Weg machte.
In Bredasdorp steuerte ich als erstes eine Werkstatt an einer Tankstelle an und in der Zeit, die ich brauchte, mir im Tankstellenladen Getränke zu kaufen, war der Plattfuss repariert.
Ich fuhr zum Cape Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas. Zum ersten Mal auf meiner Reise durch Südafrika sah es danach aus als würde es regnen. Am Kap selbst musste ich tatsächlich erstmalig die Scheibenwischer bedienen. Aber nur kurz und ich war mir nicht mal sicher, ob es wirklich Wasser vom Himmel war oder ob es sich schon um Gischt handelte. Als ich ausstieg war es trocken. Leider kamen auch die deutschen Organspender angefahren auf ihren Zweirädern. Das wäre an sich kein Problem gewesen. Aber anstatt wie alle anderen ihre fahrbaren Untersetzer auf den Parkplatz zu parken, zogen sie es vor ins Naturschutz zu knattern und sich samt ihrer Maschinen vor dem Denkmal zu postieren um zu posieren. Beschämt stand ich mit einem deutschen Paar dabei und wir hofften, dass diese Idioten nicht allzu viel weiteren Schaden für den Ruf der Deutschen angerichtet hatten oder noch anrichten werden. Kaum waren die Pisten -Cowboys verschwunden kam die Sonne raus und die verstörten weiteren Besucher konnten wieder Bilder von sich und dem Stein machen, der verkündete, dass sich hier indischer und atlantischer Ozean trennen.

In Familie

Dann ging es nach Hause. Bis zum Rückflug nach Deutschland waren es noch fast vier Tage, aber wenn ich zur Helderbos B&B nach Somerset West fahre, fühle ich mich, als komme ich nach Hause. Ich fuhr via Hermanus und war überrascht über das touristische Outfit, dass dieser Ort in den letzten Jahren erhalten hatte. Mir fielen dort auch die vielen deutschen Fahnen auf. Es schien, als haben einige Deutsche dort eine zweite Heimat gefunden.
Entlang einer der schönsten Küstenstraßen fuhr ich durch Gordons Bay nach Somerset West. Der Empfang war wie erwartet überschwänglich. Peet saß mit einem Freund am Eingang und sprang gleich auf, um mich zu begrüßen. Nonnie folgte alsbald und auch Sting, der Haushund. Bei Kaffee und Keksen tauschten wir gleich die ersten Neuigkeiten aus. Dann brachte ich die Sachen in mein Zimmer und fuhr noch kurz nach Stellenbosch, um etwas Wein zu kaufen in einem meiner Lieblingsweingüter Armani.
Zurück in Helderbos setzte ich mich zu Peet in den Hof, wo er ein Feuer schürte und ein Bier ergab das andere. Zum Abendessen kamen noch Bekannte. Es war ein deutsches Paar in meinem Alter, die sich in Strand, einem Nachbarort ein Haus gekauft hatten und so oft es ihr Urlaub zuließ dorthin fuhren. Sie sprachen Afrikaans und das sogar besser als englisch. So ergab sich die kuriose Situation, dass ich mit Deutschen und Südafrikanern am Tisch saß und trotz Deutsch- und Englischkenntnisse oft nicht viel verstand und schon gar nicht mitreden konnte. Aber das waren nur kurze Momente, meist wurde doch auf Englisch Konversation betrieben.
Nach dem Abend und der Nacht hatte ich meinen Aufwachrythmus weiter nach hinten geschoben und schlief bis halb acht. Das Frühstück war wie gewohnt gut und vertraut.
Ich war schon einige Male in Kapstadt hatte mir aber noch nie die Innenstadt selbst angeschaut. So fuhr ich mitten in Zentrum, parkte hinter der National Gallery und besuchte sie auch gleich. Dann ging ich durch den Companys Garden am Houses of Parliament vorbei zum District Six Museum. Es war nur ein kleines Museum, aber es zeigte sehr anschaulich die Zeit der Apartheid in Kapstadt. Zeitlich noch weiter zurück ging es dann beim anschließenden Besuch des Castle of Good Hope. Ich hatte nicht viel erwartet, als ich mich entschied es zu besuchen und wurde positiv überrascht. Vor allem von der Lady, welche die Tour leitete. Sie war einerseits eine gewaltige Erscheinung, wie es afrikanische Frauen manchmal sein können. Aber sie hatte darüber hinaus auch eine sehr angenehme und humorvolle Art, alles zu erklären. Wäre ich mittlerweile nicht schon etwas hungrig und fusslahm gewesen, hätte ich mir noch mehr angeschaut. Aber so verließ ich das Castle und ging zurück zum Auto um an die V&A Waterfront zu fahren. Dort aß ich eine Kleinigkeit und konnte beim Anblick einer Theke, die Bier zapfte nicht widerstehen und genehmigte mir bei angenehmen Temperaturen im Schatten eines Biergartens mit Blick auf die dort stattfindenden musikalischen Vorführungen einer Jazzband eine längere Verschnaufpause. Ich liebe solche herrlichen Novembertage.
Als ich das erste Mal in Südafrika war, bin ich den Chapman's Peak Drive entlang gefahren. Das war sieben Jahre her. In meinen Urlauben in der Zwischenzeit war er gesperrt. Mittlerweile war er wieder befahrbar, zwar gegen Geld, aber immerhin. So machte ich mich auf den Weg und fuhr um den Tafelberg, um von Süden kommend den Drive zu nehmen. Ich machte einige Stopps unterwegs und konnte so die berühmte Küstenstraße genießen. In der Hout Bay Bucht tummelten sich sogar noch Wale. In Hout Bay sah ich bei einem Kaffee den Fischern zu, wie sie ein Netz einbrachten, in dem sich nur Krabben und kein Fisch befand. Ein Sonnabendnachmittagsspaß für die ganze Familie. Und so fanden sich einige Familien dort ein und besonders die Kinder hatten ihren Spaß an den Krabben, die sie zurück ins Meer warfen.
Auf dem Weg zurück kam mir spontan die Idee, den Sonnenuntergang vom Tafelberg aus zu betrachten. Also fuhr ich hinauf. So spontan, wie ich mich für diesen Tagesausklang entschieden hatte, hatte der Tafelberg sich entschlossen, sich mit einer Wolkendecke zuzudecken. Ich taperte noch eine halbe Stunde auf dem Berg herum, bis sich die Wolken so stark verdichteten, dass das Nebelhorn erklang, welches zum unverzüglichen Verlassen des Berges aufrief. Ich fuhr zurück nach Somerset West.
Ganz spontan hatte sich ein paar Tage zuvor auch Arafat entschlossen nun doch tot zu sein. Peet und ich verfolgten die Berichte über die Beerdigungsfeierlichkeiten in den südafrikanischen Nachrichten. Da auch Thabo Mbeki an ihnen teilnahm, wusste ich nun auch wo am Freitag einige Zimmer in Kimberley frei waren.
Peet legte spontan ein paar Holzscheite ins Feuer und wir veranstalteten einen spontanen Braai im Hof. Eigentlich hatte ich ja vor in meinem Stamm-Steakhaus essen zu gehen, aber spontan hatte ich mich umentschieden. Soviel zu Spontaneität.
Eigentlich hatte ich mir für den folgenden Tag vorgenommen einige Wanderungen in den Nationalparks der Gegend zu machen. Allerdings wurde es ein sehr heißer Tag. Es war sogar für Kapstadt und für die Jahreszeit sehr heiß. So fuhr ich an die Westküste zuerst nach Yzerfontein und dann in den Westcoast Nationalpark. Der Temperatursturz von schätzungsweise zwanzig Grad ließ eine riesige Nebelwand an der Küste entstehen hinter der ich den Atlantik vermutete. Im Park liefen mir immer wieder natürliche Speed bumper in Form von Schildkröten über den Weg.
In Langebaan aß ich am Stand in einem der zahlreichen Restaurants Fisch und schaute dem Treiben der vielen Kitesurfern zu. Auf dem Weg zurück nach Kapstadt hielt ich in Bloubergstrand und sah dem sonntagnachmittäglichen Badevergnügen der Kapstädter vor ihrer einmaligen Kulisse zu.
Ich schaffte es doch noch in einen Park, in den Helderberg National Park. Es handelte sich um einen sehr schönen Park mit vielen Wegen durch die Vegetation mit großartigen Ausblicken auf die False Bay. Einige Buntböcke standen zwischen den parkenden Autos herum und eine riesige Schildkröte überquerte das Picknickareal.
Den letzten Abend in Südafrika verbrachte ich dann doch in Bobby McGees, einem Steakhaus, dass ich auf jeder meiner Reisen besuchte. Die dort gekaufte Flasche Wein leerte ich dann im Bett bei irgendeinem der Matrix-Filme, die auch ohne Kenntnis der Handlung verfolgbar sind.
Das Sachenpacken am letzen Tag war wie immer nervig und deprimierend zugleich. Peet und Nonnie wollten beim Abschied von mir wissen, ob ich im nächsten Jahr wieder käme. Ich hätte gerne ja gesagt, konnte mich aber noch nicht festlegen. Sicher würde ich wiederkommen, aber wann, konnte ich leider noch nicht sagen.
Den Tag verbrachte ich mit Souvenirkauf, Herumschlendern und Essen an der V&A Waterfront in Kapstadt. Die Stunden verflogen und ich auch am Abend. Im Flugzeug erwartete mich noch eine Überraschung. Eine ukrainische Gewichthebermannschaft sorgte für Stimmung. Das einzig positive an dem Wodka der kreiste war, dass sie in der Nacht alle ruhig schliefen.

Epilog

Malawi brachte mich in der Tat dem wahren Afrika näher. Ich sah mit wie wenig es möglich ist zu leben und dabei noch fröhlich und glücklich zu sein. Für uns Europäer ist ein Leben wie ich es dort in den Dörfern gesehen habe unvorstellbar. Im materiellen Vergleich leben wir in einem Paradies. Ob dies auf der mentalen Ebene auch zutrifft möchte ich bezweifeln.
Es war meine zweite gebuchte Safari. Im gewissem Sinne war sie anders als die erste. Es war ein Mix aus Natur, Landschaft und Kennenlernen von Land und Leuten. Gleich war, dass wieder Leute mit gleichen Interessen aufeinander trafen und es zwischen uns keine Probleme oder Misstöne gab. Im Gegenteil, wir alle hatten einiges von der Welt gesehen und tauschten uns viel über unsere Touren und Pläne aus.
Meine Befürchtungen allein durch Südafrika zu reisen, waren unbegründet. Ich lernte viele Menschen kennen und hatte viel Abwechslung und Spaß auf meiner Reise. Südafrika wird anscheinend für mich langsam zu einer zweiten Heimat. Den Traum von einem Austausch der Heimat habe ich allerdings zunächst auf Eis gelegt. So lange es mir möglich ist, möchte ich das Land als Urlauber kennen lernen. Obwohl ... das Wetter ist schon geil.